SPECIAL Tutzinger Journalistenakademie: Eintauchen in VR-Reportagen mit der Süddeutschen Zeitung

Interview: Antonia Neumeier

Lutz Knappmann ist Leiter Editorial Innovation der Süddeutschen Zeitung. In dieser Position beschäftigt er sich seit zwei Jahren mit neuen Technologien wie Virtual Reality. Außerdem stellt er sich die Frage, was mit den produzierten Inhalten der SZ noch passieren kann – neben der Veröffentlichung in der Printausgabe und der App. Im Rahmen der Tutzinger Journalistenakademie haben wir mit ihm über VR-Projekte und neue Ideen der SZ gesprochen.

Die Süddeutsche Zeitung hat eine eigene VR-App mit Reportagen zu einer Fahrt auf der Bob-Rennbahn, zu einem Einsatz der Bergwacht und vielen weiteren virtuellen Einblicken. Gibt es ein besonderes VR-Projekt, das Sie persönlich gerne hervorheben?

Persönlich fasziniert hat mich das Philharmoniker-Projekt. Das bricht aus dem klassischen „Wir erzählen eine Reportage“ aus und wird fast wie in der „Sendung mit der Maus“ erzählt. Bei den Aufnahmen durften wir das Orchester beim Proben erleben und der Dirigent hat uns erklärt, wie die Musiker aufgestellt sind, damit er am besten mit ihnen arbeiten kann. Gleichzeitig konnten wir dort technisch viel ausprobieren und haben gesehen, wie wichtig und schwierig der Ton bei VR ist.
Die Projekte haben alle für sich ihre Eigenheiten. Das Flüchtlingsprojekt zum Beispiel hat uns alle vom Stuhl gefegt, als wir es zum ersten Mal gesehen haben. Es hat eine so starke Intensität. Wir mussten überlegen, ob der Zuschauer dabei nicht zu nah am Geschehnis ist und ob er das aushält. Am Ende haben wir uns entschlossen: Wir müssen diese Intensität transportieren, denn die Lage ist so dramatisch da draußen. So hat jedes Projekt seine Besonderheit.

Welche neuen Projekte wird es in der SZ VR-App bald zu sehen geben?

Vor kurzem haben wir die Geschichte von Menschen der AGBT-Szene in Kiew veröffentlicht. Wie können transsexuelle Menschen mit ihrer Sexualität in einem Land umgehen, in dem Homophobie deutlich präsenter vertreten ist als in Deutschland? In der es auch Übergriffe und Angriffe gegeben hat. Diese Geschichte funktioniert gut in VR, weil die Nähe zum Protagonisten herstellt werden kann – in einer für die Leser schon ungewohnten Stadt. Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung. Wir wollen auch schwerere Reportagen machen und die Technik weiter ausprobieren.

Wie ist der Anfang eines VR-Projekts? Steht zu Beginn ein Thema und man sucht die Technik oder werden zuerst die passenden Themen gesucht?

Das ist eine Wechselbeziehung. Viele Geschichten entstehen aus dem VR-Team heraus. Da ist die Frage eher: Welche Geschichten fallen uns ein, die den Einsatz von VR rechtfertigen? Langfristig muss VR in der ganzen Redaktion etabliert werden. Die Kollegen müssen mitplanen, welche Geschichten in VR gut umsetzbar sind und wir helfen ihnen dann bei der Umsetzung. Wir können auch kleinere, kurze Videos machen. Ein Redakteur war auf dem G20-Gifel in Hamburg unterwegs und fand sich auf einmal in Mitten der Krawalle. Das hat er kurz aufgenommen und nachts noch ein paar Bilder zusammengeschnitten, die wir danach nur auf Facebook gespielt haben. Die sind unglaublich abgegangen, weil sie gerade in einen Aufmerksamkeitspeak hineingespielt haben.

Sie haben festgestellt, dass Zuschauer länger bei VR Videos dabeibleiben, als bei anderen Videos. Wirkt sich das auf die Länge der Videos aus? Gibt es eine Vorgabe für die Länge der Videos?

Das kommt auf die Geschichte an. Irgendwann haben wir entschieden, dass unsere Filme nicht länger als maximal zehn Minuten dauern sollten. Wenn eine Geschichte länger ist, wie die Flüchtlingsgeschichte, dann teilen wir sie lieber in mehrere Kapitel auf. Das hat banale technische Gründe, denn in unserer App kann bisher nicht gespult werden. Außerdem glauben wir, dass die Leute sich die Videos nicht länger als zehn Minuten lang anschauen. Bei manchen Filmen haben wir einen Durchschnitt von 4 1/2 Minuten, die die Zuschauer bei einem Video bleiben, das nur 6 ½ Minuten dauert. Ein gewisser Anteil an Leuten schaut ins Video rein und springt dann ab, manche kämpfen mit der Technik, aber der Großteil bleibt bis zum Ende dabei. Das ist super, denn das kenne ich bisher von keinem anderen Format.